Sin Nombre
Sin Nombre. Mexiko, USA 2009.
R, B: Cary Joji Fukunaga | K: Adriano Goldman | S: Luis Carballar, Craig McKay | M: Marcelo Zarvos | L: 96 Minuten | FSK: ab 16
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Die Mara Salvatrucha ist mit geschätzten 75.000 Mitgliedern die größte Vereinigung von Banden Mittelamerikas. 13 Sekunden von anderen Mitgliedern verprügeln lassen als Aufnahmeritual, Waffen als Statussymbol und Tätowierungen als Ausweis der lebenslangen Mitgliedschaft. Zu den Tätigungsfeldern gehören nicht nur ständige Kriege mit verfeindeten Banden, sondern u.a. auch Drogen- und Waffenhandel. In diesem Gefilde bewegt sich also Sin Nombre.
Inhalt | Willy, 18 Jahre alt und in Kreisen der Mara Salvatrucha nur als El Casper bekannt, ist schon seit langer Zeit Mitglied und hat dem Anführer Lil’ Mago in seinem Wohnort Tegucigalpa mit dem Smiley gerade erst ein neues Mitglied angeworben. Nachdem dieser die geheime Liebe Willys nach einem fehlgeschlagenen Vergewaltigungsversuch so tritt, dass sie an ihrer Kopfverletzung erliegt, ist Willy rachsüchtig und verzweifelt. Am nächsten Tag nimmt ihn Lil’ Mago mit auf einen der vielen Güterzüge, auf deren Dächern die Emmigranten aus dem, meist ärmeren, Süden reisen. Eine von diesen illegalen Einwanderern ist Sayra, die mit ihrem Onkel und ihrem Vater der Aussichtslosigkeit entfliehen und ein neues Leben in New Jersey beginnen will. Als Lil’ Mago beim Ausrauben dieser, sowieso schon verarmten, Menschen über Sayra herfällt, wie er es schon über Willys Freundin ist, sticht dieser ihn ab. Fortan wird er im ganzen Land gesucht, allen voran musste sein ehemaliger Freund Smiley schwören, ihn zu finden und zu töten. Währenddessen freundet sich Sayra mit Willy an.
Kritik | Mit einem stimmungsvollen Auftakt, in dem Willy zuerst das Auto und dann das Fahrrad von “Homies” nutzt, um sich in der Stadt fortzubewegen, vermittelt Fukunaga beiläufig was es heißt, in der Mara Salvatrucha zu sein. Auf der einen Seite unverwüstlicher Zusammenhalt, der auf der anderen Seite aber auch schnell mit einem Tod enden kann, birgt man zum Beispiel Geheimnisse vor den anderen Mitgliedern. Das oben beschriebene Aufnahmeritual wird in voller und unerbittlicher Länge gezeigt, vermittelt das Gefühl der Schmerzen, die der junge Smiley dabei ertragen muss. Ebenso präzise lässt Fukunaga in der letzten Einstellung den “American Dream” von Wohlstand und allgemein besserem Leben einem Kartenhaus gleich zusammenfallen, als Sayra vor dem Grau-in-Grau eines Kaufhausparkplatzes verlorener und unglücklicher wirkt als vor der Abreise.
Doch zwischen dem fesselnden ersten Drittel und der letzten Minute des Films verliert sich dieser in der Geschichte einer fatalen Liebe, nämlich der zwischen Sayra und Willy. Hier, in der zentralen Zeitspanne des Films, verkommt die Inszenierung zu einem viel zu glatten Wechsel zwischen Zärtlichkeiten und Schießereien. Dass die Verfolgungsjagd so endet, wie es das klassische Drama will, also mit der Konfrontation der ehemaligen Freunde Willy und Smiley und einer zum Zusehen verdammten Sayra, fällt vollkommen aus dem anfänglichen Konzept der Wahllosigkeit der Brutalitäten, will aber als konsequent wirken. So auch die, nur in kurzen Sequenzen gezeigten, unnatürlich schnell aufholenden Verfolger, die letzten Endes scheinbar nur dazu dienen, dem Film einen runden Gesamteindruck zu geben, wie eben im beschriebenen Showdown.
Denke ich im Nachhinein über den Film nach, verschwimmen die Geschehnisse in ihrer chronologischen Reihenfolge. Was sich also als interessante und filmgerechte Studie der unerbittlichen Gesetze der Gesetzlosen ankündigt, entwickelt sich zu einer konstruierten Aneinanderreihung von Schicksalsschlägen und Taten, die der Dramaturgie zu Gute kommen sollen. Aber im Zusammenhang mit der Willkür der Gewalt, der die Protagonisten stets ausgesetzt sind, sei es durch die Mara Salvatrucha, die Ablehnung, die die Emmigranten später in Form eines Steinhagels auf den Zug erfahren, oder bewaffnete Grenzpolizisten, ist ein massentauglicher und konventioneller Spannungsaufbau schlicht fehl am Platz.
Ohne Zweifel liefern die Schauspieler authentische und somit solide Leistungen ab, doch sind die Charaktere, die ihnen zugeschrieben sind, zu stereotyp. Da ist der, schon zu Beginn, Misstrauen Hegende, der dann auch die Verfolger anführt, oder das geheimnisvolle Mädchen, das sich aller offensichtlichen Bürden und Gefahren zum Trotz, dem Fremden viel zu schnell, und nicht unbedingt nachvollziehbar, anvertraut. Nicht minder überzeugen die Bilder, die sich ergeben, wenn die Kamera vom Zug auf die Landschaften abschweift. Jedoch ist hier wieder Freud gleich Leid, denn bringen die Aufnahmen eine stille Harmonie zwischen den beiden Jugendlichen zur Geltung, die einfach zu friedlich wirkt, als dass sie real sein könnte.
Fazit | Das was ein natürlicher, atmosphärisch dichter Auftakt dem Zuschauer verspricht, kann mit dem folgenden, durch und durch aalglatten Spannungsaufbau und der genretypischen Charakterzeichnung, die nachvollziehbare Motive stellenweise missen lässt, nicht gehalten werden. Im Gegenteil, Regisseur und Drehbuchschreiber Fukunaga zerstört seine anfängliche Intention, die Willkür der Gewalttaten zu entblößen, indem er mehr Wert auf die Konventionen einer üblichen Thriller-Love-Story legt.