Augenblick | Lourdes

Lourdes
Lourdes. Österreich, Deutschland, Frankreich 2009.
R, B: Jessica Hausner | K: Martin Gschlacht | S: Karina Ressler | L: 96 Minuten | FSK: ohne Altersbeschränkung
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Jessica Hausners Film verknüpft Dinge, die man im ersten Moment als gegensätzlich bezeichnen würde. Nüchterne Totale schaffen das Gefühl in einer Dokumentation gelandet zu sein. Gleichzeitig bewegen Einblicke in die intimen Wünsche und Fragen der verschiedenen Charaktere. War mir der extreme Tourismus von Pilgerstätten zwar irgendwo bewusst, schufen eben diese kühlen Bilder von neonbeleuchteten Läden, die jegliche denkbaren Mutationen einer Marienstatue verkaufen, ein Bewusstsein für den Grad dieser Perversion. Die Kalkulation und Verwaltung von allem zwischen Trauer und Marienerscheinungen wird glücklicherweise meist unkommentiert, manchmal humorvoll, geschildert. Der einzige Wermutstropfen waren einige zu stilisierte Figuren, die entscheidende Frische missen ließen. So gibt es die beiden lästernden Frauen, die naiv auf Bereinigung von Luxusproblemen hoffen und für die Kopfschüttler und Lacher zuständig sind, oder auch den Pfarrer, der nicht mit mehr aufwarten kann, als der ausweichenden Antwort, dass Gottes Wege und Entscheidungen unergründlich seien. Dennoch war ich den ganzen Film über zärtlich befangen, was ich auch der tollen Sylvie Testud als Protagonistin zuschreibe. Absolute Empfehlung.

Auf ein Neues

Nach den langen Wochen der unangekündigten Abwesenheit, melde ich mich verspätet, um mich dafür zu entschuldigen. Die Begründung könnt ihr hier nachlesen.

Als Schluss ziehe ich daraus für mich, dass ich dringend eine alternative Artikelform benötige, will ich weiter mehr oder weniger regelmäßig über Filme schreiben. Deshalb werde ich von nun an, neben der regulären Rezension, verkürzte Versionen einer Kritik scheiben, in der ich in ein paar Sätzen die wichtigen positiven und negativen Aspekte nenne und/oder zentrale Gedanken, die ich zu diesem Film habe, wiedergebe. Dabei werde ich auf eine, meiner Meinung nach sowieso ungenaue, Punkteskala verzichten. Stattdessen ein knapper Kommentar, der eindeutig zeigt, wie empfehlenswert das Sehen des Films ist. Jedoch werde ich gänzlich auf eine Inhaltsangabe verzichten, die muss sich selber beschafft werden.

Durch diese Änderung erhoffe ich mir, neben kontinuierlicherer Veröffentlichungsrate, dem Blog teilweise einen subjektiveren, weniger analytischen Ton zu verpassen. Objektive Durchleuchtung schön und gut und wird es auch weiterhin in den langen Rezensionen geben, aber manchmal muss eben auch das persönliche Empfinden stärker zum Ausdruck kommen.

Danke. :)

Kritik | 25 Stunden

25 Stunden
25th Hour. USA 2002.
R: Spike Lee | B: David Benioff | K: Rodrigo Prieto | S: Barry Alexander Brown | M: Terence Blanchard | L: 135 Minuten | FSK: ab 12

█ █ █ █ █ █ █ █ █ ░ 9/10
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Inhalt | Anders als der deutsche Titel vermuten lässt, bleiben Monty nur noch 24 Stunden bis er die siebenjährige Haftstrafe antreten muss, zu der er aufgrund seiner langen, wie fragwürdigen Karriere als Drogendealer verurteilt wurde. In dieser kurzen Zeit trifft er sich noch einmal mit seinem Vater, seiner Geliebten Naturelle und seinen Jugendfreunden.

Kritik | Der letzte Wille Montys besteht schlicht darin, sein bisheriges Leben in Freiheit zufriedenstellend abzuschließen. Er will also in Erfahrung bringen, wer ihn bei der Polizei angeschwärzt hat, in einem Club mit den Freunden eine vergnügliche Nacht zu verbringen und sich endgültig von seinen kriminellen Geschäftspartnern lossagen. Dabei wissen alle Schauspieler, die auch alle Namen und Rang innehaben, ihren eher weniger sympathischen Charakteren ein treffendes Gesicht zu geben.

Spike Lee quält die Protagonisten mit schweren Entscheidungen, allen voran Monty und seine beiden besten Freunde. So bestimmt und sich seiner selbst bewusst Monty dabei wirkt, so kurz- und uneinsichtig scheinen die Freunde zu handeln. Francis, ein abschätziger Broker, der es im laufenden Wechsel von Partys und Arbeit, nicht schafft, sich in der Freizeit von seiner bewertenden Arbeitshaltung zu trennen, attackiert immer wieder ohne existente Gründe andere Menschen. Ob er diesen bodenlosen, impulsiven Aggressionen ein Ventil geben soll, muss er sich fragen, als Monty ihn bittet, ihn zu verprügeln (da der erste Eindruck unter potentiellen Vergewaltigern im Gefängnis zähle). Jacob, ein Lehrer, der sich die Zukunft und Dinge allgemein schönredet, weiß nicht, wie er mit seiner Lust nach einer Schülerin umzugehen hat. Auch hier spielt Monty wieder eine Rolle, da er derjenige ist, der das Mädchen mit in den VIP-Bereich des Clubs nimmt.

Mit diesem einen Leitmotiv wird hier die Ambivalenz jeder einzelnen Figur geschildert. Montys anfänglich beschriebene Souveränität, lässt im Laufe der Zeit teils nach. In einem Nebenzimmer der besuchten Disco wird klar, wie weit er schon in das Milieu eingetaucht war, dass er mit Leidenschaft dem Geschäft nachgegangen ist. Der dadurch entstandene Hass auf alles, aber vor allem auf sich selbst, bricht aus ihm heraus, als er vor einem Spiegel einer Bartoillete steht und Stereotypen der Bewohner New Yorks aufzählt und dies mit eben solchen Klischees bebildert wird. Dies macht auch auf die stellenweise präsente Zynik aufmerksam, der zu all den rührenden, ergreifenden und schwarzmalenden Farben der Geschichte einen erfrischenden Ton hinzufügt.

Dass hier aber nicht nur von moralischen und seelischen Abgründe der verschiedenen Schicksale erzählt wird, sondern auch von der Zeit nach den Anschlägen am 11. September 2001, im übertragenen Sinne der 25. Stunde, manifestiert sich gleich an mehreren Stellen. Die deutlichste ist wohl eine Szene in Francis’ Appartement, das einen Ausblick auf die Aufräumarbeiten auf den Ground Zero bietet. Einen Schnitt später, und mit unterschwellig bedrohlicher Musik begleitet, blickt der Zuschauer aus einer Supertotalen auf die Bilder der Ruine, Bauarbeiter und Kräne. Weiter tauchen flatternde amerikanische Flaggen und im Abspann Bruce Springteens “The Fuse”, in dem der Sänger die Geschehnisse vom 9/11 verarbeitet. Im Kontext fällt Spike Lees Sicht auf New York ausgesprochen deprimierend aus. Doch er setzt einen entscheidenden zynisch-optimistischen Akzent, der sich auch als erzählerische Bereicherung offenbart: es wird eine Aussicht auf ein mögliches Bilderbuchleben Montys gegeben, doch der tatsächliche Ausgang bleibt ungeklärt.

Fazit | Was mit einem zynischen Wunschdenken endet, besteht eigentlich aus dichtem, unerbittlichem Realismus. Angereichert mit ambivalenten Charakteren, einer, sich schier nicht mindern wollenden, Last des Entscheidungsdrucks und die persönliche Verarbeitung des 11. Septembers Spike Lees, wirkt 25 Stunden eine enorme Faszination – auch (oder insbesondere?) im Nachhinein.

Kritik | Sin Nombre

Sin Nombre
Sin Nombre. Mexiko, USA 2009.
R, B: Cary Joji Fukunaga | K: Adriano Goldman | S: Luis Carballar, Craig McKay | M: Marcelo Zarvos | L: 96 Minuten | FSK: ab 16

█ █ █ █ █ ░ ░ ░ ░ ░ 5/10
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Die Mara Salvatrucha ist mit geschätzten 75.000 Mitgliedern die größte Vereinigung von Banden Mittelamerikas. 13 Sekunden von anderen Mitgliedern verprügeln lassen als Aufnahmeritual, Waffen als Statussymbol und Tätowierungen als Ausweis der lebenslangen Mitgliedschaft. Zu den Tätigungsfeldern gehören nicht nur ständige Kriege mit verfeindeten Banden, sondern u.a. auch Drogen- und Waffenhandel. In diesem Gefilde bewegt sich also Sin Nombre.

Inhalt | Willy, 18 Jahre alt und in Kreisen der Mara Salvatrucha nur als El Casper bekannt, ist schon seit langer Zeit Mitglied und hat dem Anführer Lil’ Mago in seinem Wohnort Tegucigalpa mit dem Smiley gerade erst ein neues Mitglied angeworben. Nachdem dieser die geheime Liebe Willys nach einem fehlgeschlagenen Vergewaltigungsversuch so tritt, dass sie an ihrer Kopfverletzung erliegt, ist Willy rachsüchtig und verzweifelt. Am nächsten Tag nimmt ihn Lil’ Mago mit auf einen der vielen Güterzüge, auf deren Dächern die Emmigranten aus dem, meist ärmeren, Süden reisen. Eine von diesen illegalen Einwanderern ist Sayra, die mit ihrem Onkel und ihrem Vater der Aussichtslosigkeit entfliehen und ein neues Leben in New Jersey beginnen will. Als Lil’ Mago beim Ausrauben dieser, sowieso schon verarmten, Menschen über Sayra herfällt, wie er es schon über Willys Freundin ist, sticht dieser ihn ab. Fortan wird er im ganzen Land gesucht, allen voran musste sein ehemaliger Freund Smiley schwören, ihn zu finden und zu töten. Währenddessen freundet sich Sayra mit Willy an.

Kritik | Mit einem stimmungsvollen Auftakt, in dem Willy zuerst das Auto und dann das Fahrrad von “Homies” nutzt, um sich in der Stadt fortzubewegen, vermittelt Fukunaga beiläufig was es heißt, in der Mara Salvatrucha zu sein. Auf der einen Seite unverwüstlicher Zusammenhalt, der auf der anderen Seite aber auch schnell mit einem Tod enden kann, birgt man zum Beispiel Geheimnisse vor den anderen Mitgliedern. Das oben beschriebene Aufnahmeritual wird in voller und unerbittlicher Länge gezeigt, vermittelt das Gefühl der Schmerzen, die der junge Smiley dabei ertragen muss. Ebenso präzise lässt Fukunaga in der letzten Einstellung den “American Dream” von Wohlstand und allgemein besserem Leben einem Kartenhaus gleich zusammenfallen, als Sayra vor dem Grau-in-Grau eines Kaufhausparkplatzes verlorener und unglücklicher wirkt als vor der Abreise.

Doch zwischen dem fesselnden ersten Drittel und der letzten Minute des Films verliert sich dieser in der Geschichte einer fatalen Liebe, nämlich der zwischen Sayra und Willy. Hier, in der zentralen Zeitspanne des Films, verkommt die Inszenierung zu einem viel zu glatten Wechsel zwischen Zärtlichkeiten und Schießereien. Dass die Verfolgungsjagd so endet, wie es das klassische Drama will, also mit der Konfrontation der ehemaligen Freunde Willy und Smiley und einer zum Zusehen verdammten Sayra, fällt vollkommen aus dem anfänglichen Konzept der Wahllosigkeit der Brutalitäten, will aber als konsequent wirken. So auch die, nur in kurzen Sequenzen gezeigten, unnatürlich schnell aufholenden Verfolger, die letzten Endes scheinbar nur dazu dienen, dem Film einen runden Gesamteindruck zu geben, wie eben im beschriebenen Showdown.

Denke ich im Nachhinein über den Film nach, verschwimmen die Geschehnisse in ihrer chronologischen Reihenfolge. Was sich also als interessante und filmgerechte Studie der unerbittlichen Gesetze der Gesetzlosen ankündigt, entwickelt sich zu einer konstruierten Aneinanderreihung von Schicksalsschlägen und Taten, die der Dramaturgie zu Gute kommen sollen. Aber im Zusammenhang mit der Willkür der Gewalt, der die Protagonisten stets ausgesetzt sind, sei es durch die Mara Salvatrucha, die Ablehnung, die die Emmigranten später in Form eines Steinhagels auf den Zug erfahren, oder bewaffnete Grenzpolizisten, ist ein massentauglicher und konventioneller Spannungsaufbau schlicht fehl am Platz.

Ohne Zweifel liefern die Schauspieler authentische und somit solide Leistungen ab, doch sind die Charaktere, die ihnen zugeschrieben sind, zu stereotyp. Da ist der, schon zu Beginn, Misstrauen Hegende, der dann auch die Verfolger anführt, oder das geheimnisvolle Mädchen, das sich aller offensichtlichen Bürden und Gefahren zum Trotz, dem Fremden viel zu schnell, und nicht unbedingt nachvollziehbar, anvertraut. Nicht minder überzeugen die Bilder, die sich ergeben, wenn die Kamera vom Zug auf die Landschaften abschweift. Jedoch ist hier wieder Freud gleich Leid, denn bringen die Aufnahmen eine stille Harmonie zwischen den beiden Jugendlichen zur Geltung, die einfach zu friedlich wirkt, als dass sie real sein könnte.

Fazit | Das was ein natürlicher, atmosphärisch dichter Auftakt dem Zuschauer verspricht, kann mit dem folgenden, durch und durch aalglatten Spannungsaufbau und der genretypischen Charakterzeichnung, die nachvollziehbare Motive stellenweise missen lässt, nicht gehalten werden. Im Gegenteil, Regisseur und Drehbuchschreiber Fukunaga zerstört seine anfängliche Intention, die Willkür der Gewalttaten zu entblößen, indem er mehr Wert auf die Konventionen einer üblichen Thriller-Love-Story legt.

Kritik | Postman Blues

Postman Blues
Posutoman Burusu. Japan 1997.
R, B: Hiroyuki Tanaka | K: Shuji Kuriyama | S: Kumio Onaga | M: Okamoto Daisuke | L: 110 Minuten | FSK: ab 16

█ █ █ █ █ █ █ █ ░ ░ 8/10
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Inhalt | Durch sich plötzlich überschlagende Zufälle und Zusammentreffen initiiert, stellt sich das das Leben des Postboten Sawaki gehörig auf den Kopf. Der verselbstständigende Wandel nimmt seinen Anfang, als Sawaki einem seiner früheren Schulfreunde die Post aushändigt und bemerkt, dass dieser sich soeben mit einem Messer von seinem klinen Finger getrennt hat. Wie sich herausstellt, arbeitet der Bekannte inzwischen als Yakuza und wird von der Polizei überwacht. Des Verdachts auf Drogenhandel wegen und weiterer Zufälle, wird Sawaki unwissend von der Polizei verfolgt, trifft auf einen schwerkranken Auftragskiller und endlich auch auf ein Mädchen, das sich ihm anvertraut.

Kritik | Obwohl die visuelle Konfrontation mit einem abgeschnittenen Finger und der dazugehörigen, blutenden Hand, sich erst einmal verstörend anhören mag, wirkt diese Szene nicht weniger geruhsam, als es anfängliche Bilder aus dem monotonen Tagesablauf eines Postboten tun. Möglich ist das nur durch den angenehm breit abgesteckten Zeitraum, in dem die Charaktere sorgfältig mit all ihrem Witz und Charme vorgestellt werden. So erfahren wir von Auftragskiller Joe, dass er an einem Wettbewerb teilnimmt, dessen Gewinner zum “King of Killer” gekürt wird. Einen Schnitt später finden wir uns in einer Rückblende wieder, in dem als erster Kandidat fürs “Vorschießen” ein französisch aussehender Léon aufgerufen wird, der, mit einer Topfpflanze bewaffnet, lediglich ein knappes “Oui” von sich gibt.

Hierbei macht die Gewichtung auf die eigentlich vereinsamten Protagonisten aufmerksam, von denen jeder auf seine eigene Weise gegen diese Einsamkeit anzukämpfen versucht. Während Sawaki selbst arbeitet, um zu leben, sucht sich sein Jugendfreund Ausflucht im Nervenkitzel der Illegalität, die ihn an seine Abenteuer der Kindheit erinnern. Folglich werden die Charaktere auch dementsprechend beflügelt, als sie Kontakt aufnehmen und neue Freunde gewinnen. Nur deswegen schafft es Sawaki auch der Polizei vorerst davonzufahren, denn er wird, als er an die Begegnungen vom bisherigen Tag denkt, von neuer Kraft erfüllt und tritt mit höherer Geschwindigkeit in die Pedale.

Auch bei den teils ausführlich gezeigten Überlegungen der Polizei kommt mit der Quantität die inhaltlich hohe Bedeutung. Was mit einer scheinbaren Anomalie im Verhalten eines gewöhnlichen Postboten beginnt, nämlich, dass sich Sawaki zur Arbeitszeit kurz in dem Haus eines Empfängers aufhält, setzt sich fort mit der Aktion eines Frustrierten. Denn Sawaki reißt, nachdem er sich über die Eintönigkeit seines Lebens ins Klare gekommen ist, kurzerhand die Briefe und Päckchen, die er noch auszustellen hat, in seiner Wohnung auf. Später meint ein Professor darin Verhaltensstörungen entdecken zu können, die wiederum ein Merkmal für paranoid-schizophrene Persönlichkeiten sind. Diese Verkettung von Hypothesen wird von dem Profiler immer weiter geführt, bis er zu dem Schluss kommt, dass Sawaki aus Laune Serienmorde begeht. Mit solchen Treffern ins Schwarze warnt Hiroyuki Tanaka vor vorschnellen Urteilen ohne eindeutige Beweise. Seinen intensiven Höhepunkt erhält diese Botschaft auch am chronologischen Ende, das mit seiner bodenständigen Konsequenz zwar einen plötzlichen Bruch mit dem bisherigen Ton des Films bildet, aber in seiner Striktheit absolut nachvollziehbar wirkt und betroffen macht.

Neben dezenter Benutzung von Hintergrundmusik, wurde der Film auch optisch mit Überlegung umgesetzt. Jedoch wirkt der eine oder andere abgedrehte Einfall fehl am Platze, auch wenn er sich letztlich doch in das Bild der, eigentlich vor Idee überlaufen müssenden, Geschichte, die aber erstaunlich ruhig daherkommt. Dabei muss wohl jeder Zuschauer für sich entscheiden, wann das Fass der Skurrillitäten überläuft, mir war es wohl aber ein Hauch zu viel der Abstrusitäten a la “Ein Olympionike aus unserer Polizeimannschaft könnte von hier aus so schnell losfahren, dass er an diesem Punkt mit Sawaki zusammentrifft”.

Fazit | Tanaka paart hier Mengen an schwarzem Humor mit einem unberührt wirkenden Thema, das durchdacht analysiert wird, aber auch, für das japanische Kino, klassischen Elementen aus Dramen und Liebesfilmen, wodurch ihm ein schönes, nachdenklich stimmendes Werk gelungen ist.

Kritik | A Serious Man

A Serious Man
A Serious Man. USA 2009.
R, B: Ethan Coen, Joel Coen | K: Roger Deakins | S: Ethan Coen, Joel Coen | L: 105 Minuten | FSK: ab 12

█ █ █ █ █ █ █ ░ ░ ░ 7/10
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Nach einem verschwenderischen Staraufgebot in einer, nicht minder bedrückend schwarz-humorigen, Mixtur aus Drama und Komödie (gemeint ist Burn After Reading), in der die Geschichte eines scheinbar geheimen Dokuments mit einer Skurillität ohne Punkt ad absurdum geführt wurde, tun die Coen-Brüder ähnliches innerhalb einer jüdischen Gemeinde. Wenn auch diesmal lückenlos mit unbekannten Gesichtern bebildert.

Inhalt | 1967. Larry Gopnik, Mitglied einer jüdischen Gemeinde, erwartet optimistisch das Ergebnis eines Verfahrens, das ihm eine Professur im Fach Physik zukommen lassen wird. Auch über die Bestechungsversuche eines Studenten scheint er zu triumphieren. Doch zu Hause angekommen, muss er von seiner Frau erfahren, dass sie sich von ihm trennen lassen will und mit einem Freund Larrys heiraten wird. Es kommt zum Streit um die Besitzrechte des Hauses, Polizisten, die nach dem, im Hause der Gopniks untergekommenen, Onkel fahnden und weiterem Unheil, das unverhofft über Larry hereinbricht, sodass er an einer existenziellen Krise zu zerbrechen droht.

Kritik | Selbst wenn man von der Handlung absieht, gibt es eine ganze Reihe von Absurditäten, die sich die Coen-Brüder haben einfallen lassen. So durften auf den Straßen der Coenschen Sechziger ausschließlich Autos aus diesem Jahrzehnt fahren, wiederum in der Vielfalt dezimiert, indem keine weißen und roten Wagen zu sehen sind. Zu diesem realistisch deprimierenden Bild, gesellt sich also eine vollkommen abgehobene und entfremdete Note. Mit einer jüdischen Mythenerzählung beginnt der Film, auf den ersten Blick vollkommen ohne Zusammenhang mit der kommenden Geschichte. Oder?

Irrwitzig ist, dass das Prinzip des Storyverlaufs schon in der Mitte des Films wunderbar seziert wird. So sucht Larry im Laufe des Films drei Rabbis auf, jeder ein größerer Rückschlag als der vorige. Demzufolge erzählt der zweite Rabbi von einem Zahnarzt, der ihn aufgesucht hat und ihm von merkwürdigen Vorkommnissen berichtete. Dabei handelt es sich um eine geheimnisvolle Gravur in den Zähnen eines Patienten, die vom Jüdischen übersetzt “Hilf mir!” bedeutet. Nach mehrminütigen Ausführungen kommt der Rabbi dann endlich zu einem Ende. Gespannt wieder die Zuschauer fragt Larry nach des Rätsels Lösung, der Botschaft die sich hinter all dem versteckt usw., bekommt jedoch nur ein Achselzucken vom Rabbi zu sehen und das Fazit, dass es letzten Endes gut ist, wenn man irgendwem irgendwie hilft. Wie hier, endet die Erzählung des Films abrupt, lässt Fragen und angedeutete Wendungen offen und scheint von jeglichem Sinn entfernt.

In diesem Zusammenhang ist ebenfalls oben erwähnter Prolog sinnvoll – und auch wieder nicht. Denn selbst hier herrscht keine Eindeutigkeit, die erleichternde Auflösung fehlt. Alles nur wirrer Schein? Akzeptiere das Mysterium! So heißt die einzige Antwort, die Larry erhält und mit der wohl auch das Publikum lesen muss, denn wie Ethan Coen selbst sagte, bestehe “der Spaß an der Geschichte [...] darin, neue Wege zu finden, um Larry zu foltern”. Bei einem, sowohl vom Zweifel am Gesehenen, als auch von Zufriedenheit, gestiftet von der schwarzen Komik des Films, erfüllten Zuschauer, ist den Brüdern das wohl auch außerhalb des Films gelungen.

Fazit | Deprimierend, ehrheiternd, desillusionierend und liebevoll ist die Zeichnung des Hauptprotagonisten, seiner Konfrontation mit dem jüdischen Glauben, fremden Ansichten und Kulturen und nicht zuletzt weiterer obskuren Gestalten.

Thema | Kritik-Serie zu Alfred Hitchcock

Nach mehrtägiger Verschnaufpause zu meinen Gunsten läute ich hiermit eine Serie von Kritiken ein. Bei den Filmen handelt es sich ausschließlich um Werke von Alfred Hitchcock, der somit das Thema dieser Reihe sein soll. Voraussichtlich wird die Reihe 15 Filme umfassen, die in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen von mir angeschaut und anschließend rezensiert werden. Es stehen auf der Liste (ohne Reihenfolge):

  1. The Birds
  2. Family Plot
  3. Frenzy
  4. Man Who Knew Too Much
  5. Marnie
  6. North By Northwest
  7. Psycho
  8. Rear Window
  9. Rope
  10. Saboteur
  11. Shadow Of A Doubt
  12. Topaz
  13. Torn Curtain
  14. The Trouble With Harry
  15. Vertigo

Ich werde parallel natürlich auch Kritiken anderer Filme veröffentlichen und mich eventuell nicht strikt an gegebene Menge halten.